09/03/2021
Der HSH im modernen Haushalt
Zurzeit liegt der Trend bei Herdenschutzhunden, tendenziell in 2 Richtungen, welche mir etwas Bauchweh bereiten, ich aber ansprechen möchte um Menschen und ihren Hunden Hilfestellung aber auch Gedankenanstösse zu geben.
Die beiden Arten in die sich die HSH Szene aufspaltet, ist einerseits, jene die in ihnen reine Hunde sieht, keine rassespezifischen Hintergründe akzeptieren möchte und sie auch in der Wiener Stadtwohnung als absolut anpassungsfähig, erziehbar und glücklich wähnt.
Nach dem Motto: "Was nicht von Geburt an passt, muss der Trainer passend machen".
Die andere Variante ist jene, die vor lauter Faszination zu ihrer ursprünglichen Haltung, der Meinung ist, dass sie weder in normale Familien noch Häuser gehören. Am besten nur mit Nutztieren draussen gehalten.
Nach dem Motto: "Wer seinen HSH mit Leckerchen erzieht und im Bett schlafen lässt, ist verweichlicht und hat keine Ahnung. Armer Hund."
Vielleicht fühlen sich hier jetzt einige angesprochen, vielleicht auch nicht. Bevor ein Sh*tstorm losbricht, nochmal: es soll kein Vorwurf sein, es soll ein Gedankenanstoß sein und keiner muss sich vor mir rechtfertigen. Ich freue mich auf eure Meinungen und auf einen tollen Austausch.
Weiter zu den Punkten:
Wenn wir uns das Verhalten, unabhängig ihrer Umgebung und der Einflüsse anschauen, kann man (einfach und kurz) zusammengefasst auf folgende Punkte kommen:
🐕Bellen
🐕Selbstständiges einordnen nach Erfahrung und Nachahmung von Freund, Uninteressant und Feind.
🐕Ruhebedürfnis
🐕 Haltung in Gruppen und/oder Familien
🐕 Jagdverhalten mit Einschränkung (Nutztiere und Wildtiere; sehr starke erlernte Komponente)
🐕 Körperbau Genetik bestimmt Kosten-Nutzenrechnung für viele Verhaltensweisen
Natürlich gibt es noch 300 mehr Punkte und jeden dieser Punkte könnte man noch 100mal unterteilen und diskutieren.
Fakt jedoch ist, dass man sich dieser Punkte bewusst sein muss und danach eine Entscheidung über die Haltung treffen sollte.
❗️Kann ich meinen Hund die Komponente "Bewachen und Bellen" bieten?
- selbst mit Training ist dieses Verhalten mehr oder weniger ausgeprägt vorhanden. Nimm dir keinen HSH, wenn er dies nicht bei dir tun sollte/darf.
❗️Kann ich ihm Zugang zu sozialen Interaktionen bieten, die ihm gerecht werden?
- ob dein Hund im Bett mit dir schläft, im Haus lebt oder einen Außenbereich, nach den im Land geltenden Tierschutzbestimmungen hat, eine individuelle Entscheidung nach Vergangenheit und nach Wunsch des Hundes sollte im Vordergrund stehen. Es gibt kein Pauschalrezept, abgesehen davon, dass sie nicht alleine und isoliert vom Menschen gehalten werden sollten.
❗️Kann ich ihn so sichern und halten, dass sein Verhalten insbesondere Jagdverhalten weder ihm noch anderen Lebewesen schadet?
- bedenkt physisch und psychisch, dass ihr sowohl genug Training in den Hund investieren müsst, als auch bewusst mit seinen Stärken und Schwächen umgehen. Jagen ist ein Funktionskreis, der bei allen Hunden auftritt. Die Ausprägung und die einzelnen Elemente stechen individuell verstärkt oder vermindert hervor.
❗️Ist mir bewusst, dass viele Verhaltensweisen, die wir im Alltag von unseren Hunden wollen, bei Hunden mit einer anderen Kosten-Nutzen-Rechnung nicht stattfinden können oder eine andere Art der Verstärkung brauchen?
- Ein schwerer und massiger Körper hat andere Vorgänge im Stoffwechsel und Energieverbrauch als zierliche und wendige. Dies bedeutet Anpassung im Training mit den Verstärkern und ein Überdenken vieler Verhaltensweisen, die den Körper übermäßig beanspruchen.
❗️Kommt sein Ruhebedürfnis auf das Niveau, das er braucht?
- HSH an der Herde stehen keine 24 Stunden durch. Sie leben auch nicht einzeln und Feinde tauchen nicht stündlich auf. Auch sie brauchen ihre Ruhezeiten und ihre Auszeiten. Je nach Umgebungsreizen, zahlt es sich aus, HSH in unseren Breitengraden im Haus zu lassen und ihnen Ruhepausen anzutrainieren.
Zu guter Letzt, sollten wir uns bewusst sein, dass viele Verhaltensweisen, die diese Rassen ausmachen, eine Haltung in dichter besiedeltem Gebiet massiv erschweren kann und dies mehr Leistung und mehr Aufwand für die Halter bedeutet.
Jedoch sind sie alles in allem Individuen und auch wenn ich absolut von der Haltung in städtischem Gebiet abrate, würde ich inländische Tierschutzfälle, jedes Mal neu und individuell in ihrer Vergabe beraten und einschätzen.
Es macht keinen Sinn, Stempel aufzudrücken und das Lebewesen dahinter zu übersehen.
So sollte weder der HSH der im Familienverband aufgewachsen ist, isoliert in einen Außenzwinger gehalten werden, noch sollte ein HSH aus dem Ausland "gerettet" und in eine Wiener Stadtwohnung vermittelt werden, nur damit er "gerettet" wurde.
Es macht Sinn rassetypisches Verhalten zu kennen und genauso viel Sinn, das Individuum zu respektieren. 🐕