24/08/2026
Marcus hat das wieder treffend beschrieben und es ist absolut wert euch den Text durchzulesen 😉
Raumverwaltung?
In den letzten Tagen gab es wieder spannende Diskussionen.
„Hunde ordnen ihr soziales Gefüge über Raumverwaltung und Ressourcenverwaltung." Das hörst du in jedem zweiten Gespräch. Und dann kommt die Frage an mich: Was sagst du eigentlich dazu? Wenn man rekapituliert, was du schreibst, dann machst du das doch gar nicht. Bei dir ist es doch wieder komplett anders.
Nein. Ist es nicht. Ich mache genau das. Mit einem feinen kleinen Unterschied.
Jeder weiß, dass Hunde situativ lernen, gebunden an den Kontext. Deshalb muss ich Sitz und Platz und Bleib und Hier an verschiedenen Orten in verschiedenen Situationen immer wieder üben – sofern ich überhaupt üben möchte. Der Hund packt beim Lernen alles ringsherum mit hinein. Ob er auf Gras saß oder auf Asphalt. Ob ein anderer Hund in der Nähe war. Ob du gerade eine Currywurst kaufen wolltest, während er zu sitzen hatte.
Und jetzt gehen wir modern und körpersprachlich geschult auf den Trainingsplatz oder suchen uns beim Gassi eine ruhige Ecke und machen dort artgerechte, fein ausgearbeitete Raumverwaltung und Ressourcenverwaltung.
Wir haben uns diese Begriffe in den Kopf gehämmert. Hunde brauchen Raumverwaltung, Hunde brauchen Ressourcenverwaltung, sonst funktioniert das Sozialverhalten nicht. Drei Begriffe. In diese drei Begriffe haben wir tausend verschiedene Situationen hineingepackt und alles glatt gebügelt.
Dann kommen wir nach Hause und schauen nach: Legt er sich uns in den Weg? Nimmt er uns den Raum? Liegt er richtig? Beansprucht er irgendeine Ressource? Geht ja gar nicht.
Den Umkehrschluss hat dabei wieder keiner betrachtet. Wie immer beim Hundetraining.
Warum kann der Hund nur situativ lernen, nur an den Kontext gebunden? Und was heißt das umgekehrt?
Der Umkehrschluss ist das Treffendste. Und das Fatalste.
Wenn der Hund kontextabhängig lernt, dann ist der Kontext bei ihm der gemeinsame Nenner. Das Führende. Daran macht er alles fest. Nicht an der Ressource. Nicht am Raum. Am Kontext. Also verwaltet er in manchen Kontexten Raum und in anderen nicht. In manchen Kontexten verwaltet er Ressourcen und in anderen nicht.
Der Hund hat also irgendwo einen Maßstab dafür, wann Raum verwaltet wird und wann Ressourcen verwaltet werden. Aber er hat nicht die geringste Ahnung, was diese Kategorien sind. Er lebt nicht in Klassifikationen, er lebt in Situationen. Wir picken aus dem Kontext heraus, was wir benennen können – Raum, Ressource – und lassen genau das weg, woran der Hund sich tatsächlich orientiert.
Und dann komme ich nach Hause, missachte den Kontext und fange mit Raumverwaltung und Ressourcenverwaltung an. Vollkommen unpassend, weil ich überhaupt keine Ahnung habe, ob der Kontext dazu passt.
Am Anfang habe ich geschrieben: Ich mache es trotzdem. Mit einem feinen kleinen Unterschied.
Gestern traf ich Maroon im Flur. Der Flur ist zu schmal, wir kamen nicht aneinander vorbei. Das ist ein Problem mit dem Raum. Und der Raum ist Ressource. Ich bin Ressource, soziale Ressource. Er ist Ressource, soziale Ressource.
Ich muss also den Raum verwalten, und ich muss ihn verwalten. Jetzt könnte ich es so machen, wie man es den Hunden nachsagt. Aber genau so machen sie es nicht.
Ich habe Maroon zu mir eingeladen. Damit habe ich ihn bewegt. Auch so ein Mantra: Wer bewegt wen? Wer den anderen mit dem geringeren Aufwand bewegt, der führt. Wieder eine dieser Kategorien, die unser Bewusstsein hinterher bildet, wenn längst alles passiert ist – und aus ganz anderen Gründen.
Als ich mich zu ihm beugte, machte er große Augen, nahm die Ohren zurück und wich ein Stück zur Seite. Für mich war das das Signal: Aus seiner Sicht bin ich impulsiv nach vorn gegangen. Ein paar Millimeter zu viel. So fein sind meine Hunde.
Also habe ich umgehend korrigiert. Gewicht zurückgenommen, asiatisch höflich zur Seite bewegt, und damit war der Konflikt aus der Situation heraus. Ich habe mich nicht konsequent durchgesetzt. Ich habe konsequent dafür gesorgt, dass ich einfach durch den Flur gehen kann und der Hund aus dem Weg ist – und mir die eine Sekunde genommen, das Ganze konfliktfrei zu beenden.
In diesen drei Sekunden habe ich Raum verwaltet, Ressourcen verwaltet, den Hund bewegt, einen Konflikt vermieden, einen Konflikt beseitigt und uns synchronisiert. Bekommen habe ich, was ich wollte. Zurückgelassen habe ich im Hund eine Erinnerung, die Konfliktvermeidung und das Beenden eines Konfliktes enthält. Situativ angemessen, weil es reales Leben war und eine reale Situation, in der Raum und Ressourcen überhaupt eine Rolle spielten.
Und jetzt drehen wir die Szene um.
Der Hund liegt im Flur. Er liegt dir im Weg. Dahinter steckt keine Absicht. Keine Strategie. Kein Plan. Das ist nicht die Realität des Hundes.
Dass er sich dort hinlegt, und dass er sich genau so hinlegt, wie er liegt, ist das Ergebnis einer situativen Bewertung seiner Umwelt. Sein Gehirn hat alle Reize durchkalkuliert, die gerade anliegen, dazu seinen körperlichen Zustand, und hat ihm das Verhalten in den Sinn geschickt, das mit der höchsten Wahrscheinlichkeit zu dieser Situation passt. Ein Verhalten, das seinen Zustand stabil hält. Nicht mehr und nicht weniger.
In dieser Kalkulation stecken unzählige Erinnerungen. Erinnerungen an genau diesen Flur. Du hast dich an ihm vorbeigequetscht. Du hast ihn weggeschoben. Du hast gesagt, verzieh dich, ich will da durch. Du hast die passende Gestik dazu gebracht. Damit hast du Erinnerungen dieser Art in ihm gestapelt – Erinnerungen daran, wie man in diesem Kontext miteinander umgeht: konfrontativ.
Der Hund weiß nicht, was konfrontativ ist. Er weiß nicht, was eine Ressource ist. Er weiß nicht, was Absicht ist, und er weiß nicht, was ein Plan ist. Er plant nicht, sich dir in den Weg zu legen, um dir etwas zu beweisen. Er macht auch keinen Konflikt auf. Ihm kommt schlicht in den Sinn, was die Situation über die Erinnerung erzeugt. Du hast ihm vorgemacht, wie man mit dieser Situation umgeht. Er macht es hinterher genauso.
Das ist der zentrale Fehler. Ganz unterbewusst sagen wir uns: Der Hund funktioniert wie wir. Er hat einen Plan, er hat eine Absicht. Also zeigen wir ihm, dass sein Plan nicht aufgeht und seine Absicht nicht funktioniert. Und dann, so die stille Erwartung, geht er hinterher hin, denkt darüber nach, schaut auf sich selbst, erlebt die Situation noch einmal und sagt sich: Ah, jetzt verstehe ich, so kann mein Plan nicht funktionieren.
So funktioniert die Realität des Hundes nicht.
Der Hund funktioniert wie unser Unterbewusstsein, nicht wie unser Bewusstsein. Er kann nicht auf sich selbst draufschauen. Er kann nicht zu seiner Entscheidung zurückgehen und sie noch einmal anders durchspielen. Er nimmt Reize wahr, die Reize erinnern ihn, und das neuronale Netz seines Gehirns errechnet daraus die größte Wahrscheinlichkeit für ein Verhalten, das ihn stabil hält.
Deshalb üben wir endlos. Wochen. Monate. Bis das Gehirn des Hundes irgendwann sagt: Gut, ich habe tausend Varianten durchprobiert, ich bekomme diese Situation einfach nicht gebügelt – obwohl der Mensch mir immer wieder vormacht, wie es hier zugeht.
Dabei hätte es zwei oder drei Mal gebraucht. Zwei oder drei Mal die Konfrontation in der Situation auflösen, und sein Gehirn hätte die erfolgreiche Lösung sofort priorisiert und alles andere verworfen.
Es kamen nicht gerade wenige zu mir, die monatelang mit ihrem Hund geübt hatten. Und innerhalb von Minuten konnte man dem Hund eine nicht konfrontative Lösung anbieten, die er freiwillig annahm. Daraus wurde Orientierung. Daraus wurde Führung.
Der Hund liegt also nicht vor dem Kühlschrank, weil er eine Ressource beansprucht und dir etwas beweisen will. Er liegt dort, weil die Situation zu diesem Ablegen geführt hat.
Diese separaten Spiele, diese Stellvertreterkonflikte um einen Apfel oder einen alten ausgelutschten Knochen, spielen Hunde nur dann, wenn im Flur kein Konsens zu erreichen gewesen wäre. Dann erfühlen sie untereinander, dass in den Erinnerungen des anderen etwas schief hängt und neue Erinnerungen gebraucht werden.
Nichts davon ist bewusst. Alles davon entspricht unserem Unterbewusstsein, das in jedem Sekundenbruchteil die Umwelt wahrnimmt, sich anhand des Blickwinkels erinnert und uns Dinge in den Sinn schickt. Situativ. Kontextgebunden.
Wenn ich also ausgerechnet die Dinge, die das Sozialverhalten ordnen, zum Trainingsinhalt mache, packe ich sie in falsche Kontexte und lege damit falsche Erinnerungen im Hund ab.
Deshalb trainiere ich nicht. Ich lebe mit dem Hund. Und ich weiß, welche Körpersprache ich einsetzen kann, damit es bei ihm nicht konfrontativ ankommt. Ich will jede Situation im Haus, ums Haus, überall mit einem aufgelösten Konflikt beenden, damit sich diese Erinnerungen stapeln.
Denn an demjenigen, der Konflikte mit dem geringsten Aufwand vermeidet und bewältigt, orientiert man sich. Dem folgt man. Und ganz wichtig: Der fällt einem ein, wenn man allein unterwegs ist, weil die Situation daran erinnert.
Das macht unsere Hunde selbstständig lebensfähig in unserer Gesellschaft, ohne dass sie Kommandos bekommen müssen.
Kommandos brauche ich nur dort, wo ich die Kontexte mit Erinnerungen belegt habe, die in genau diesem Kontext überhaupt nicht helfen.
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Das hier ist kein Glaubenssystem, sondern nur Biologie – und Biologie funktioniert unabhängig davon, welchem Lager man sich zuordnet
Der Hund ist ein zustandsabhängig bewertendes Priorisierungssystem mit erinnerungsbasierter, mehrstufiger Regulation.
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