08/08/2022
Schrecktraining
Gewöhnung statt Reizüberflutung.
Alleine das Wort Schrecktraining finde ich schon immer sehr gruselig, denn genau das ist es, was man so oft in den Ställen sieht. Pferde die irgendwo fixiert werden, dabei keine Chance haben, der Situation zu entkommen und dabei massiv mit irgendwelchen gruseligen Reizen konfrontiert werden. Raus aus der Situation kommen sie dabei nur, wenn sie keine Abwehr- oder Fluchtreaktionen mehr zeigen und sich scheinbar entspannen, bzw. viel mehr, es eben so über sich ergehen lassen und abschalten. Das Pferd lernt in der Situation, dass es selber in seinen Gefühlen und seiner Persönlichkeit nicht gesehen wird, dass der Mensch nicht auf das Pferd eingeht und es dem ganzen hilflos ausgeliefert ist.
Verkauft wird das ganze dann als gelassenes Traumpferd.
Mal ganz davon abgesehen, dass das wirklich super gefährlich werden kann und nicht selten zu schlimmen Unfällen führt, ist das Pferd dadurch auch emotional nicht gelassen, sondern oft eher einfach abgeschaltet und in einer erlernten Hilflosigkeit. Nicht selten führen solche Herangehensweisen sogar genau zum Gegenteil, nämlich dazu, dass Angstzustände noch verstärkt oder dafür an anderer Stelle auftreten. Und auch wenn es spektakulär aussieht und den einen oder anderen auch beeindruckt.
Willst du das wirklich? Willst du eine Beziehung, die auf unterdrückten Ängsten basiert, bei dem dein Pferd lernt, dass es sich nicht äußern darf, sondern aushalten muss?
Keine Frage, in unserer Menschenwelt gibt es sehr viele Reize, die auf ein Fluchttier beängstigend wirken können und zu gefährlichen Situationen führen können. All diese Reize einfach zu vermeiden, wird einen nicht weiter bringen. Im Gegenteil führt dies auch oft eher zum Gegenteil: die Komfortzone verkleinert sich und man hat vor immer mehr Dingen Angst. Deswegen ist eine Gewöhnung und Desensibilisierung durchaus sinnvoll. Und dennoch gibt es auch sehr viel sanftere, respektvollere und nachhaltigere Wege und Möglichkeiten, sein Pferd an Reize zu gewöhnen, es mutiger werden zu lassen und gemeinsam solche Situationen sicher und gelassen zu bewältigen.
Um seine Komfortzone zu erweitern, muss man diese ein Stück weit verlassen. Gewöhnung darf durchaus herausfordernd und auch aufregend sein. Und dennoch sollte man dem Pferd niemals das Gefühl geben, es nicht schaffen zu können und es damit zu überfordern. Gewöhnung ist also ein kleiner Seiltanz zwischen "Ich bin neugierig und möchte gucken was das ist!" und "Ich finde es auch ein bisschen gruselig, weil ich noch nicht weiß, was es ist." Solange die Neugierde überwiegt, wird das Pferd mit einem positiven Gefühl aus der Situation gehen können.
Das bedeutet also, dass Gewöhnung kleinschrittig erfolgen sollte. So kleine Schritte, dass es eben nicht überfordernd wird und das Pferd dich verängstigt zurück springt. Auch in kleinen Schritten kommt man zum Ziel und jeder kleine Zwischenschritt wird mit der Zeit nicht mehr gruselig, sodass man die Möglichkeit hat, den nächsten zu gehen. Und ist man doch mal einen zu großen Schritt gegangen, dann geht man einfach zwei Schritt zurück oder baut noch einen Zwischenschritt ein.
Außerdem haben wir als Menschen die Möglichkeit ganz gezielt Einfluss auf das Verhalten des Pferdes zu nehmen. Einmal indem wir selber ganz ruhig, neugierig und interessiert sind und diese Gelassenheit auch ausstrahlen, was bedeutet, dass die Schritte auch immer so klein gewählt sind, dass wir uns selber damit wohl fühlen und nicht schlimmes befürchten. Und andererseits können wir über das gezielte belohnen von neugierigem und mutigen Verhalten, genau dieses Verhalten verstärken. Lob aktiviert das Belohnungszentrum im Pferdegehirn, welches sehr eng mit der Neugierde verbunden ist und gleichzeitig Angst und Unsicherheit hemmt. Lobe dein Pferd also für mutiges Verhalten und es wird aus sich heraus mutiger werden.