05/06/2025
Aus dem Text:
"Vor kurzem wurde ich gefragt, wie lange ich meine Kinder eigentlich die Treppe noch rauf und runter tragen werde. Ich antwortete, dass ich dies bis zur Verknöcherung der Wachstumsfugen also bei Mädchen und Jungen etwas unterschiedlich bis zum 16.-19. Lebensjahr tun würde, dann sei ja schließlich das Skelett erst ausgreift. Vor allen Dingen das späte Ausreifen des Oberschenkels erlaube hier keine Kompromisse!"
DÜRFEN WELPEN TREPPEN STEIGEN?
Weil immer wieder Panik verbreitet wird bei Bildern von treppenlaufenden Welpen hier nochmal der aktuelle Stand des Wissens dazu.
Bei mir im Training dürfen Welpen von Anfang an lernen, langsam und kontrolliert Treppen zu steigen, sowohl hoch als auch runter. Welpen, die lernen, alle vier Beine gezielt und koordiniert einzusetzen, profitieren erheblich davon im Hinblick auf Koordination und Körperbewusstsein.
DÜRFEN WELPEN TREPPEN STEIGEN?
Seit Jahrzehnten hört man immer wieder, Welpen sollten keine Treppen laufen, das schade den Gelenken. Hierzu gibt es tatsächlich aber praktisch keine Studien und die Fachleute sehen diesen Rat aus Gründen kritisch.
Mir persönlich ist eine einzige Studie bekannt, in der sehr großwüchsige Rassen untersucht wurden, die bereits in frühem Alter (bis zur 12. Lebenswoche) massiv Treppen stiegen. Hier wurde tatsächlich ein negativer Effekt auf die Hüftentwicklung festgestellt.
Die Studie verlinke ich am Schluss. Für ältere Welpen gibt es nichts Valides, aber einen guten Text von Prof. Dr. Fischer, Inhaber des Lehrstuhls für spezielle Zoologie und Evolutionsbiologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Autor des Buches "Hunde in Bewegung", den zitiere ich nun im Folgenden:
„Muss ich Welpen die Treppe rauf und runter tragen
Prof. Dr. Martin S. Fischer, M.S. 2012 in Gkf Info 36: 27-29
Vor kurzem wurde ich gefragt, wie lange ich meine Kinder eigentlich die Treppe noch rauf und runter tragen werde. Ich antwortete, dass ich dies bis zur Verknöcherung der Wachstumsfugen also bei Mädchen und Jungen etwas unterschiedlich bis zum 16.-19. Lebensjahr tun würde, dann sei ja schließlich das Skelett erst ausgreift. Vor allen Dingen das späte Ausreifen des Oberschenkels erlaube hier keine Kompromisse!
Selbstverständlich habe ich auch alle meine Welpen das erste Jahr die Treppe rauf und runter getragen. Zugegebenermaßen habe ich seit Jahren starke Rückenschmerzen, aber was tut der Mensch nicht alles für seine Lieben. Beim Hund habe ich in etwa 1083 Blogs zudem gelesen, dass seine Muskeln erst spät ausreifen, zwar kann ich mir unter „Muskelreifung“ nichts vorstellen, aber sicher diejenigen, die es im Internet geschrieben haben.
Richards und Koautoren haben 2010 einen interessanten Aufsatz veröffentlicht, der einmal mehr zeigt, wie gefährlich es ist, von sich (Mensch) auf andere (hier Hund) zu schließen. Während beim Menschen der Hauptbewegungsumfang beim Treppensteigen im Knie- und Hüftgelenk auftritt, löst der Hund dieses Problem durch eine erhöhte Bewegung (vor allem Dorsalflexion) im Sprunggelenk. Futsch alle Überlegungen zur Schonung des Hüftgelenkes von Hunden beim Treppentragen. Aber Hand aufs Herz, kennen Sie viele Hunde, bei denen durch ihre treppensteigende Jugend später Beschwerden im Sprunggelenk auftreten?
Eine Bemerkung zum Wachstum: der Zeitpunkt des Wachstumsendes ist selbst bei Wurfgeschwistern sehr unterschiedlich. Schon vor 50 Jahren hat Weise gezeigt, dass nach 166 Tagen das erste Wurfgeschwister ausgewachsen war, aber erst nach 220 Tagen das letzte. Allerdings war der Hund, der die längste Wachstumsphase aufwies, nicht das größte Tier, dieses war bereits mit 177 Tagen ausgewachsen. Die Dauer des Wachstums ist also nicht der entscheidende Faktor für die Größe eines Hundes.
Eine Bemerkung zur Muskelreifung: Bei neugeborenen Welpen sind 90-95 Prozent der Muskelfasern noch undifferenziert. Die wenigen, schon differenzierten Fasern sind sehr große rote Fasern, die nach vier bis fünf Wochen wieder verschwinden. Bis zur vierten Woche ist eine allmähliche Differenzierung der Fasern erkennbar, und es treten die üblichen roten und weißen Fasern auf. Bis zur zwölften Woche ist dann das Verteilungsmuster des erwachsenen Hundes vorhanden. Die Entwicklungszeit der Muskelfasern ist in den verschiedenen Muskeln nahezu gleich. Es stimmt nicht, dass Welpen viele weiße Fasern und adulte Hunde viele rote Fasern besitzen und dass die Muskelreifung bis zu einem Jahr dauert.
Eine Bemerkung zur Stoßbelastung: Beim Galopp, beim Kurvenrennen, beim Springen und in einer Vielzahl von anderen Belastungssituationen treten Kräfte auf, die ein Mehrfaches des Körpergewichtes betragen können. Prieur (1980) hat bei einer mäßigen Geschwindigkeit von 7 km/h bei einem 30 kg schweren Hund bereits eine Belastung des Hüftgelenkes gemessen, die das Sechsfache des Körpergewichtes betrug. Gleichzeitig wird beim Vierfachen des Körpergewichtes nur 55 Prozent der Gelenkfläche am Oberschenkelkopf ausgenutzt (Lieser 2003). Der Körper des Hundes und seine Gelenke sind darauf eingerichtet, auch ungewöhnliche Kraftspitzen abzufangen.
Wenn ich hier die Meinungen zum Treppensteigen von jungen Hunden hinterfrage, dann ist selbstverständlich klar, dass es für den Hund anderweitig gefährdende Situation geben kann. Eine glatte, offene Treppe, auf der ein Hund – auch wenn er schon älter ist – stürzen kann ist wie jede traumatische Situation zu vermeiden. In unserem Buch „Hunde in Bewegung“ haben wir im Vorwort geschrieben: „Wenn das Wissen unzureichend ist, bilden sich Meinungen.“ Leider gibt es keine einzige Studie, welche den Einfluss des Treppensteigens bzw. Treppentragens auf die spätere Entwicklung des Bewegungsapparates des Hundes untersucht hat, wir können also den vielen Meinungen kein gesichertes Wissen entgegenhalten, aber umgekehrt beruhen auch die Meinungen nicht auf irgendeinem haltbaren Befund. Es kann also jeder selbst entscheiden, wie er es mit dem Treppentragen seines Hundes hält, aber andere belehren darf er nicht – und es gibt auch die „fürsorgliche Belagerung“ (Heinrich Böll). Mit anderen Worten, Fürsorge ist in Ordnung, man kann sie aber auch trefflich übertreiben!“
Nun noch zur genannten Studie, daraus:
"Results: Puppies walking on stairs from birth to 3 months of age had an increased risk of developing HD. Factors associated with a decreased risk of developing HD included off-leash exercise from birth to 3 months of age, birth during the spring and summer, and birth on a farm. Significant clustering of dogs with HD was detected within litters."
Grob übersetzt:
"Ergebnisse: Welpen, die von der Geburt bis zum Alter von 3 Monaten Treppen stiegen, hatten ein erhöhtes Risiko, an Hüftgelenksdysplasie (HD) zu erkranken. Zu den Faktoren, die mit einem verringerten Risiko für die Entwicklung von HD verbunden waren, gehörten körperliches Aktivsein ohne Leine von der Geburt bis zum Alter von 3 Monaten, Wurftag im Frühjahr und Sommer und frühe Welpenzeit auf einem Bauernhof (deutet auf schützenden Effekt von viel Bewegung in anregender Umgebung draußen). Das Auftreten von HD trat signifikant gehäuft in einzelnen Würfen auf (deutet auf genetische Komponente hin). "
Link zum Nachlesen:
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/22620698/
Mein persönlicher Rat zu Thema: Ein bisschen Vorsicht in jungem Alter kann nicht schaden, ebenso wenig, wie den Welpen einige Wochen die Treppen hinauf- und hinunter zu tragen (solange eben der eigene Rücken nicht streikt 😅 ). Keiner muss sich aber Sorgen oder Gedanken machen, wenn sein Welpe immer wieder mal kontrolliert Treppen rauf und runter läuft.
Üben und lernen dürfen Welpen das Treppensteigen am besten früh – wie alles geht in der sensiblen Phase bis ca. zur 18. Woche auch dieser Lernvorgang am leichtesten vonstatten. Zudem schützt der Aufbau einer guten Muskulatur durch angepasste, abwechslungsreiche Bewegung des Welpen die Gelenke offensichtlich effektiv.
Bei Hunden mit kurzen Beinen und langem Rücken würde ich persönlich allerdings lebenslang das Treppenlaufen auf ein Minimum beschränken – es könnte unter Umständen förderlich für die ohnehin oft auftretenden Rückenprobleme sein.
Und noch ein Anmerkung zum Schluss: wenn ihr WIRKLICH etwas tun wollt für ein möglichst gelenkschonendes Aufwachsen eurer Welpen, dann achtet darauf, dass sie sehr schlank bis hager groß werden, denn Energieüberversorgung des Welpen während der Wachstumsphase ist weiterhin der größte Risikofaktor für das Entstehen diverser Probleme des Bewegungsapparats.
©Angelika Prinz; Rundumhund-Ostalb