13/08/2022
Yes!
An meinem Bürogebäude führt ein schmaler, von Hundehaltern viel begangener Aareweg vorbei. Durch das offene Fenster höre ich heftiges Kläffen. Ich schaue kurz raus und sehe, dass eine Person mit 2 kleinen Hunden auf 2 Personen mit je einem kleinen und einem grösseren Hund zu geht. Sie sind etwa 20m voneinander entfernt. 3 der 4 Hunde kläffen und springen in die Leine. Einer ist ruhig und zeigt Fluchttendenzen.
🔹 Kleiner Hund Nr. 1 wird laut schimpfend an der Leine und am Halsband einfach mehrmals in die Luft geschleudert
🔹 Kleiner Hund Nr. 2 wird mehrmals unsanft im Kreis herum gezerrt, sobald er bellt
🔹 Kleiner Hund Nr. 3, der flüchten will, wird einfach weitergeschleift
🔹 Grösserer Hund Nr. 4 bekommt ein paar energische "korrigierende" Leinenrucke übers Halsband und bellt immer heftiger
Da alles nicht hilft, dreht die Person mit den beiden kleinen Hunden schliesslich um und flüchtet.
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🤔 Meine Gedanken als Verhaltensbiologin zu diesen 30 sehr unschönen Sekunden:
📌 Wer sich mit dem Wesen und dem Verhalten von Hunden etwas auskennt (das kann und muss man lernen!), weiss, dass es alles andere als selbstverständlich ist, dass sich fremde Hunde auf so engem Raum entspannt frontal kreuzen würden. Im Gegenteil: Zeit und Raum sind erforderlich, damit die Hunde einander einschätzen können, um allenfalls einen Kontakt zueinander oder ein höfliches Vorbeigehen aneinander, meist mit Bogenlaufen, zu iniziieren (Stichwort BAT). Dazu kommunizieren Hunde mit ganz feinen Gesten miteinander.
📌 Es ist alles andere als normal, dass Hunde gerne ständig auf fremde Hunde treffen möchten, "um Hallo zu sagen". Für die meisten ist eine Hundebegegnung stressig. Viel lieber würden Hunde, wenn überhaupt, ab und an ein paar gute Freunde treffen als ständig fremde Hunde, wenn sie die Wahl hätten.
📌 Hundehalter glauben meist, dass das wütende Verbellen einfach nur ungezogen sei und korrigiert werden müsse. Leider wird das von den Mitmenschen auch noch erwartet. Aber ich habe heute 4 Hunde gesehen, die verzweifelt Abstand und Zeit erbeten haben, dies aber von ihren Menschen nicht erhielten, sondern sogar noch "Schimpfe und Prügel". Wundert es einem dann, wenn der Hund bei der nächsten Begegnung noch früher und noch heftiger in die Leine geht?
📌 Nein, Hunde, die bei (Hunde-)Begegnungen viel bellen und sich wie Tyrannen aufführen, sind nicht einfach "kleine Giftzwerge", "dominante Machos" oder "freche, ungezogene Köter". Sie fühlen sich in manchen Situationen unwohl, unsicher und überfordert. Sie brauchen einen Menschen, der sich im Hundeverhalten auskennt, die wahren Gründe für das Ausrasten erkennt und in einem gezielten Training wohlwollende, vertrauensvolle, beschützende Führung im Sinne des Hundes geben kann. Alles andere ist ein Übergehen der arttypischen Bedürfnisse aus purer Unwissenheit.
👉 Fazit: Hunde, die sich bei Begegnungen eskalierend verhalten, sind nicht einfach nervig und kampflustig, sondern verzweifelt und überfordert. Mit diesem Wissen ist es logisch, dass es nicht besser wird, wenn der Mensch den Wunsch nach Distanz nicht respektiert und sogar noch zusätzlich mit vertrauensschädigendem, bedrohlichem Verhalten auf seinen Hund einwirkt. Das ist einfach falsch interpretiert und äusserst unfair.
📢 Dies ist ein Plädoyer dafür, dass sich jeder Hundehalter unbedingt über die Bedürfnisse und die arttypischen Eigenschaften des Wesens Hund zwingend informieren und schulen MUSS, damit alte Mythen und falsche Verhaltensinterpretationen nicht zum Leidwesen dieser tollen, feinfühligen und hochsozialen Vierbeiner weiter bestehen ♥️.
Sibylle Aschwanden
Dipl. Verhaltensbiologin
Hundeschule Focus-Canis
Winznau bei Olten (CH)
www.Focus-Canis.ch
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