27/05/2026
𝗗𝗲𝗿 𝗛𝘂𝗻𝗱 𝗮𝘂𝘀 𝗱𝗲𝗺 𝗧𝗶𝗲𝗿𝘀𝗰𝗵𝘂𝘁𝘇
Wer sich für einen Hund aus dem Tierschutz/Tierheim entscheidet, hat in aller Regel nur Helfen und Gutes im Sinn.
So auch ich im Jahr 2007, als ich meine Podenco-Mix Hündin Jenna mit knapp fünf Monaten direkt aus Spanien bekam. Sie wurde mit ihren Geschwistern als Welpe in einem Kaktusfeld gefunden und ins Tierheim gebracht. Mehr konnte man mir zu ihr nicht sagen…
Und wie sich herausstellte, erfordert die Erziehung eines Hundes mit unbekannter Vergangenheit besonderes Geschick.
Häufig gibt es nur Spekulationen und wage Auskünfte darüber, wie ein Hund aus dem Tierschutz/Tierheim in den ersten Lebensmonaten aufgewachsen ist, was er wie kennengelernt hat oder eben auch gar nicht kennengelernt hat.
Die ersten Lebensmonate eines Hundes sind aber ausschlaggebend für seine Gehirnentwicklung und sein grundsätzliches Denken über die Welt - über Menschen, über andere Hunde, andere Lebewesen, die Umwelt usw.
Mit ca. 16 Wochen ist nämlich die wichtigste Sozialisationsphase (Welpenphase) bereits abgeschlossen und für einen Hund besteht die Welt aus dem, was er bis dahin kennengelernt hat bzw. WIE er die Welt kennengelernt hat.
Hat er im Schutz seiner Mama und/oder seines lieben Menschen die Vielfalt und grundsätzliche Variabilität der Welt kennengelernt, geht er höchstwahrscheinlich auch später auf Neues neugierig und eher mutig/voller Vertrauen zu. Sein Gehirn konnte sich auch optimal entwickeln.
Hat er dagegen in seinen ersten Lebenswochen die Welt als einen Käfig mit 20 anderen Hunden kennengelernt, wo ab und zu mal ein Mensch vorbeischaut, ist seine Vorstellung von der Welt darauf beschränkt. Das ist nunmal etwas ganz anderes, als ihn bei uns erwartet.
Diese wichtigste Phase derart reizarm und eingeschränkt zu erleben, führt ein Leben lang zu Defiziten, da sich sein Gehirn nicht optimal entwickeln konnte.
Wurde er dann vielleicht auch noch gemobbt und war schutzlos ohne seine Mutter anderen Hunden ausgeliefert, verlässt er sich auf niemanden mehr.
Alles Neue wird später eher mit Misstrauen betrachtet und er braucht viel länger, um etwas zu lernen oder sich auf Neues einzulassen.
Viele dieser Hunde weisen deshalb riesige Defizite in der Sozialisierung mit Menschen und der Umwelt auf, weil sie z.B. in einem Tierheimzwinger oder auf der Straße – fernab eines Lebens bei uns – aufwuchsen. Die Erfahrungen dort sind sehr begrenzt bzw. ganz anderer Natur, als in einem Leben mit uns.
Eine fehlende frühe Sozialisation lässt sich nicht nachholen, aber Hunde können Strategien lernen diese zu kompensieren.
Inwieweit sich so ein Hund noch in ein Leben bei uns und mit uns integrieren kann, hängt unserer Erfahrung nach sehr stark vom Individuum und dessen Charakter ab. Der eine ist ein mutiger Geselle, der andere eher ein Hasenherz – das ist eine Charakterfrage. Deshalb ist diesen Hunden äußerst individuell zu begegnen.
Eines zeigen sie aber vor allem zu Beginn fast alle: sie kippen quasi aus dem für uns „normalen Rahmen" des Verhaltens heraus:
Ist ein Hund aus einer Vorzeigeaufzucht situativ mal kurz erschrocken oder gar verängstigt, so zeigt sich im Vergleich dazu ein Hund aus dem Tierschutz häufig schon komplett panisch und nicht mehr ansprechbar oder sogar aggressiv.
Ein gut sozialisierter Hund fängt sich dann auch recht schnell wieder und besitzt eine größere Stressresillienz. Ein weniger gut sozialisierter Hund hingegen braucht sehr lange, eine solche Situation für sich zu verarbeiten.
Wird ein Hund aus einer Vorzeigeaufzucht mal frech und forsch, so wird ein Tierschutzhund oft richtig dreist und ist quasi für den Besitzer gar nicht mehr zu händeln.
Neben der alltäglichen Erziehung, die es zu leisten gibt, müssen also vor allem diese Extremen in aller Regel immer wieder vom Menschen aufgefangen und möglichst in ein normales Maß / in einen normalen Rahmen gebracht werden. Damit tun sich viele Hundebesitzer schwer, denn mit diesen Extremen haben sie nicht gerechnet.
Hierzu braucht man tatsächlich besonderes Geschick und Geduld, denn es fehlt dem Hund vor allem an Erfahrungen und Vertrauen in den neuen Sozialpartner Mensch und die Situationen, denen er nun ausgeliefert ist.
Zu Beginn, während der Erziehung und im gesamten Zusammenleben steht also besonders immer im Vordergrund:
𝙂𝙚𝙙𝙪𝙡𝙙 + 𝙑𝙚𝙧𝙩𝙧𝙖𝙪𝙚𝙣𝙨𝙖𝙪𝙛𝙗𝙖𝙪,
𝙂𝙚𝙙𝙪𝙡𝙙 + 𝙑𝙚𝙧𝙩𝙧𝙖𝙪𝙚𝙣𝙨𝙖𝙪𝙛𝙗𝙖𝙪,
𝙂𝙚𝙙𝙪𝙡𝙙 + 𝙑𝙚𝙧𝙩𝙧𝙖𝙪𝙚𝙣𝙨𝙖𝙪𝙛𝙗𝙖𝙪
𝙪𝙣𝙙 𝙚𝙞𝙣𝙚 𝙠𝙡𝙖𝙧𝙚 𝙪𝙣𝙙 𝙛𝙖𝙞𝙧𝙚 𝙀𝙧𝙯𝙞𝙚𝙝𝙪𝙣𝙜!
Manchmal dauert es Wochen, manchmal Monate und manchmal geht es nur in Jahresschritten vorwärts.
Meine geliebte, kleine Jenna wurde 15 Jahre alt, sie war schüchtern, unauffällig aber stets an meiner Seite. Sie zählte eher zu den Hasenherzen.
Ich habe immer mit einem Schmunzeln gesagt: „Wenn sie 15 Jahre alt ist, ist sie bestimmt „normal" 😇“ – und ich behielt Recht.
Ich denke immer noch täglich an Jenna, denn sie war für mich etwas ganz Besonderes und ich habe so viel durch sie gelernt 🖤.
© Gabi Klaassen
Hundeschule Rhein-Wupper