08/11/2020
„Es braucht viel Zeit, einen kurzen Weg zu gehen.“
Sophokles
Hand aufs Herz: Wie oft „bist Du nochmal eben schnell beim Pferd“? „Reitest noch mal eben“ diese oder jene Lektion oder überhaupt?
Schon seit längerer Zeit frage ich mich, wo eigentlich die Zeit im Reitsport geblieben ist – nicht unbedingt die Tageszeit oder Dauer des Aufenthalts, sondern vor allem die Zeit, wirklich da zu sein und hinzufühlen, nicht im Kopf schon tausend großartige Pläne, Trainingswege und Ideen entworfen zu haben und während des Tuns doch eigentlich schon drei Schritte voraus oder bei der letzten SMS oder WhatsApp oder dem nächsten To-Do zu sein.
Wo ist die Zeit hin, wirklich bei mir und meinem vierbeinigen Freund und Partner zu sein? Die Zeit, in wirklich gute Ausbildung zu investieren? Die Zeit, einmal WIRKLICH hinzuschauen und noch wichtiger, hinzuspüren? Die Zeit, diese Verbindung überhaupt entstehen zu lassen?
Ich habe immer häufiger das Gefühl, dass es völlig normal ist, dass ein Pferd „schon Mal“ Rückenschmerzen hat - „das hat der schon immer“, „der hat halt einen empfindlichen Rücken“.
„Schon Mal“ oder eigentlich sogar doch „immer (öfter)“? Und mit spätestens zehn Jahren Sehnenschäden oder Arthrose.
Wirklich? Oder habe ich mir nur nicht die Zeit genommen, die Hintergründe und Ursachen zu erforschen? Wer weiß denn wirklich noch, warum man Zirkel und Schlangenlinien reitet? Und worauf es dabei ankommt?
Ich meine jetzt nicht „ja klar, die gehören zur Lösungsphase“, „das Pferd soll gebogen werden“, „sich gymnastizieren“ oder, etwas pfiffiger „geraderichtende Biegearbeit“.
Das ist alles nicht falsch, aber kratzt gleichzeitig auch nur an der Oberfläche – wenn ich an den Humansport denke, und „mal eben“ ein paar Kniebeugen (sorry, „Squats“) mache, kann ich lange auf den erhofften Erfolg warten, wenn ich da alleine „herum hampel“ und die Ausführung nicht wirklich akkurat ist.
Wie sieht denn ein akkurater Zirkel aus? Ich meine jetzt nicht rund. Worin und wohin muss ich das Pferd anleiten, damit die Idee des Zirkels (und die ist nicht einen Kreis zu reiten!) biomechanisch Sinn macht und Körpergefühl, Balance, Koordination, Beweglichkeit, Biegung, Geraderichtung, Dehnung, Gymnastizierung, Durchlässigkeit und Lastaufnahme fördert?
Und nebenbei noch Spaß, Teamwork, Freude an Bewegung, Harmonie und Kommunikation?
Reiten ist bitte, bitte nicht nur eine Einbahnstraße in der Kommunikation vom Reiter zum Pferd – à la ich sage ihm wohin und wie (weiß ich wirklich, WIRKLICH wie?).
Vielmehr geht es doch darum, das Pferd anzuleiten, selbst sich und seinen Körper besser kennen und fühlen zu lernen, mitzudenken, eigene Ideen und Selbstbewusstsein zu entwickeln, ihm zu zeigen wie es sich besser weil kraftvoller weil mehr im Gleichgewicht bewegen kann und dann genau mit dieser Bewegung anfangen zu spielen. Zu tanzen. Gemeinsam. Kommunizierend und mit Freude.
Eine tolle Vorstellung? Sie kann auch Realität sein.
Doch sie fängt immer bei mir an.
Wobei wir wieder bei der Frage sind, wofür nehme ich mir die Zeit? Welche körperliche Fitness, welches Können und noch wichtiger, welches GEFÜHL bringe ich mit? Alles drei lässt sich schulen. Ist aber mit Arbeit verbunden. Und Anstrengung. Und Zeit.
Wenn ich in der heutigen Zeit einen Pferdesportkatalog aufschlage, finde ich Seiten voller Ausrüstungsgegenstände und Mittel, mit denen mangelnde Ausbildung kompensiert werden soll.
Egal ob im Bereich Futter, Gebisse, Longierhilfen, Sättel, Pads, etc, etc.
Das tut weh. Und geht immer zu Lasten von unserem Pferd. Am Ende des Tages habe ich zwar Geld, mein Pferd aber seine Gesundheit verloren. Und manchmal sein Leben. Was für ein Geschenk von meinem Pferd.
Und gleichzeitig sehr ernüchternd, peinlich und unfassbar, dass ich damit spiele und dies in Kauf nehme. Weg vom tiefen Wissen (und Fühlen) und der Ethik, hin zu der Vereinfachung und Schnelligkeit der heutigen Zeit.
Es wäre an der Zeit, dies wieder wahrzunehmen und mich selbst aus- und fortzubilden, um diese Mängel pferdegerecht aufarbeiten zu können. Mit Freude auf beiden Seiten.
Reiten wir nicht eigentlich zu unserer Freude? Es geht doch nicht um Lektionssicherheit, um Springvermögen oder abrufbare Leistung, Bedienbarkeit. Das Pferd ist doch keine Sache.
Vor allem geht es doch um uns gemeinsam. Um unsere Beziehung, Partnerschaft, um Kommunikation, Freude und Gefühl. Reiten wir nicht eigentlich aus Liebe zum Pferd?
Wo ist dieses kleine Kind in uns hin, das beim Anblick eines Pferdes oder Ponys strahlt? Dem warm ums Herz wird, das sein Herz öffnet?
Fangen wir bei uns an, dieser Liebe und Partnerschaft wieder mehr Leben, Erfüllung, mehr Gefühl und Spüren, mehr Verbundenheit und ZEIT zu schenken.
Wenn wir wirklich hinfühlen, werden wir erschrocken sein. Und gleichzeitig den Weg erkennen.
Erinnere Dich und fühle hin: Der Fehler lag und liegt NIE beim Pferd.
Dein Pferd kann Dir so vieles zeigen, Dich so vieles lehren. Sei offen. Schau hin, hör hin und spür hin.
Es lohnt sich.
„In Deiner Hand und meiner vereint sich das Glück, denn aus zwei Puzzleteilen wurd ein einziges Stück. Und ich nehm‘ Deine Hand, denn sie trägt meine Hand; was meine Hand bewegt, versteht Deine Hand. […] Deine Hand nimmt meine Hand und ich spür‘ wie sie mich hält. Meine Hand nimmt Deine Hand und sie führt sie durch die Welt. […] Ich seh‘ Dich und find ein Stück des Himmels in Dir - Du und ich verbinden das Wir.“
Seom – In Deiner Hand