27/05/2026
Blutbilder beim Pferd – Teil 5 von 6
Mineralstoffe & Vitamine: Wie aussagekräftig sind Blutwerte wirklich?
Blutuntersuchungen auf Zink, Kupfer, Calcium oder Vitamine werden in der Pferdepraxis immer häufiger durchgeführt.
Doch wichtig zu wissen ist:
👉 Nicht jeder Blutwert zeigt zuverlässig, wie gut ein Pferd tatsächlich versorgt ist.
Gerade bei vielen Mineralstoffen und Vitaminen ist die Aussagekraft von Blutwerten deutlich eingeschränkter, als häufig angenommen wird.
Warum ist das so?
Der Körper reguliert viele Nährstoffe sehr streng, um lebenswichtige Funktionen aufrechtzuerhalten.
Deshalb bleiben Blutwerte oft lange stabil — selbst dann, wenn die Versorgung bereits nicht optimal ist.
Viele Mineralstoffe und Vitamine befinden sich außerdem überwiegend:
• in Organen,
• in Knochen,
• in der Muskulatur,
• in der Leber,
• oder innerhalb von Zellen.
Das Blut dient häufig eher als Transportweg und nicht als eigentlicher Speicher.
Zink & Kupfer
Bei Zink und Kupfer ist die Aussagekraft von Blutwerten besonders begrenzt.
Studien zeigen, dass Blutkonzentrationen die tatsächliche Versorgung oft nur unzureichend widerspiegeln.
In Untersuchungen von Prof. Dr. Vervuert und Kolleg:innen zeigten Pferde selbst unter teils deutlich erhöhter Zink- und Kupferaufnahme häufig weiterhin unauffällige oder nur gering veränderte Blutwerte.
Das bedeutet:
Blutwerte reagieren oft erst spät auf Veränderungen der Versorgung.
Gleichzeitig wird dadurch ein weiteres Problem deutlich:
Viele Pferde erhalten heute hochdosierte Mineralfutter oder zusätzliche Einzelpräparate „vorsorglich“, obwohl Blutwerte dafür häufig keine verlässliche Grundlage liefern.
Eine langfristige Überversorgung mit Spurenelementen ist jedoch nicht harmlos.
Zu hohe Zinkmengen können beispielsweise:
• die Aufnahme anderer Spurenelemente wie Kupfer beeinträchtigen,
• Stoffwechselprozesse beeinflussen,
• bei starker Überversorgung sogar zu Vergiftungen führen
Auch überhöhte Kupfermengen sind nicht automatisch sinnvoll und sollten nicht ohne fundierte Rationsbewertung ergänzt werden.
👉 Mehr ist also nicht automatisch besser.
Calcium
Auch Calciumwerte im Blut sind nur sehr eingeschränkt zur Beurteilung der Versorgung geeignet.
Warum?
Der Calciumspiegel im Blut wird hormonell extrem streng reguliert, da Calcium lebenswichtig für:
• Muskelfunktion,
• Nervenleitung,
• Herzfunktion,
• und Knochenstoffwechsel ist.
Selbst bei deutlichen Problemen in der Fütterung bleibt der Blutwert deshalb oft lange stabil.
Der Körper greift dann unter anderem auf Calciumreserven aus dem Knochen zurück, um den Blutspiegel konstant zu halten.
Ein normaler Calcium-Blutwert bedeutet also nicht automatisch, dass die Versorgung optimal ist.
Selen
Selen gehört zu den Spurenelementen, deren Versorgung sich über Blutwerte vergleichsweise besser beurteilen lässt.
Im Gegensatz zu Zink oder Kupfer kann die Seleniumkonzentration im Blut tatsächlich Hinweise auf die aktuelle Versorgung geben.
Trotzdem gilt auch hier:
Die Interpretation sollte immer zusammen mit Fütterung, Haltung, klinischen Symptomen und Gesamtration erfolgen.
Denn auch Selen kann problematisch werden:
• sowohl bei Unterversorgung
• als auch bei Überversorgung (Hufrehe!)
Gerade weil Selen häufig zusätzlich supplementiert wird, ist eine unkontrollierte Gabe nicht empfehlenswert.
Vitamine
Auch bei Vitaminen ist die Interpretation häufig komplex.
Fettlösliche Vitamine wie Vitamin A oder E können im Körper gespeichert werden.
Blutwerte schwanken deshalb teilweise unabhängig von der tatsächlichen langfristigen Versorgung.
Vitamin E kann diagnostisch hilfreich sein, die Werte werden aber unter anderem beeinflusst durch:
• Fütterung,
• Weidegang,
• Lagerung des Futters,
• Zeitpunkt der Probenentnahme,
• und den Fettgehalt der Nahrung.
B-Vitamine werden teilweise von Darmmikroorganismen produziert.
Blutwerte liefern deshalb oft nur begrenzt Informationen über die tatsächliche Versorgung oder Verfügbarkeit im Gewebe.
Was bedeutet das praktisch?
Blutwerte niemals isoliert betrachten
Fütterung und Gesamtration immer mit beurteilen
Symptome und klinisches Bild berücksichtigen
Überversorgung vermeiden
Keine hochdosierten Ergänzungen „auf Verdacht“
Gerade im Bereich der Mineralstoffe und Vitamine ist die Interpretation deutlich komplexer, als einzelne Laborwerte vermuten lassen.
Im letzten Beitrag der Reihe geht es um spezielle Krankheitsdiagnostik: Infektionskrankheiten, hormonelle Erkrankungen, genetische Erkrankungen und weitere Spezialuntersuchungen.