26/11/2023
"Triangulierung" durch Gegenstände: Wenn zwei Hunde mit einem Ball schöner spielen, als wenn sie nur sich selbst haben, ist das schon sehr faszinierend.
Man würde in den meisten Fällen das absolute Gegenteil erwarten, weil viele Hunde ihre Beute verteidigen oder kein Interesse mehr am anderen Hund zeigen würden.
In dieser speziellen Kombination ist es allerdings ganz anders.
Endi ist eine 1,5 jährige temperamentvolle, aber etwas unsichere und auch unruhige Labradorhündin.
Karli ist eine neun Monate junge selbstsichere, souveräne, aber ebenfalls temperamentvolle Podenca-Galga.
Beide Hündinnen kennen sich sehr gut und mögen sich.
Zwischen den beiden hat sich aber ein ungünstiges Gefälle im Spiel eingeschlichen: Endi neigt zu hektischen, trampeligen und recht planlosen Interaktionen.
Karli hingegen sucht gezielt nach Schwächen, testet ihr Gegenüber gerne aus und reagiert stark auf Dynamik.
Kommt dann ein bisschen Tempo in die Sache, wird jede Interaktion stressig für Endi, die dann wiederum noch hektischer wird.
Hinzukommt ein recht typisches Verhalten für viele Retriever: Die meisten von ihnen neigen dazu, jegliche Selbstachtung für die Interaktion mit Artgenossen aufzugeben (vermenschlicht ausgedrückt).
Anstatt Grenzen aufzuzeigen, reagieren die meisten von ihnen in Konfliktsituationen mit "Flirt/Fiddle" und bringen damit noch mehr Adrenalin und Dynamik in die Interaktion.
Zusätzlich dazu ist ihnen der Kontakt mit Artgenossen so wichtig, dass sie häufig nicht in der Lage sind, Distanz zu wahren/herzustellen, wenn die Situation für sie unangenehm wird - selbst dann, wenn man ihnen dabei hilft und Pausen verordnet.
Es scheint dann manchmal so, als wären sie in einer Endlosschleife aus Halli-Galli gefangen, obwohl man ihnen deutlich ansieht, dass sie sich nicht mehr wohlfühlen UND der jeweils andere Hund auch über die Stränge schlägt.
Was für viele Menschen dann wahrscheinlich noch nach einem witzigen Spiel aussieht ("Was denn? Der Labbi spielt doch noch mit!"), ist für uns als aufmerksame Beobachterinnen nicht mehr vereinbar.
Hierbei muss betont werden, dass die Mädels nicht gefährlich füreinander sind. Sie steuern weder auf einen Kampf zu, noch haben sie ein grundsätzliches Beziehungsproblem miteinander.
Aber es ist eben auch kein schönes Miteinander, sondern ganz schnell "drüber".
Die allgemeinen Spielmerkmale zwischen den beiden sind häufig sehr schnell nicht mehr erfüllt.
Wir haben in der Vergangenheit schon bemerkt, dass Endi souveräner und klarer wird, wenn sie eine Aufgabe bekommt: Wenn sie ein Loch graben kann oder in der Freiverlorensuche arbeiten darf, ist sie fokussiert und deutlich mehr bei sich.
Befindet sich Endi jedoch im luftleeren Raum, muss sie fast permanent stark reguliert werden, um nicht im Kontakt mit ihren Hundefreunden in einen Renn-und-Fiddle-Wahn zu verfallen, der nur dazu führt, dass Hunde wie Karli unfair zu ihr sind.
Das lässt sich natürlich, ein Stück weit, lösen, indem man die Hunde getrennt voneinander freigibt und die freien Interaktionen zwischen den Hunden durch den Einsatz von Schleppleinen, Abbruchsignalen/Lob und häufigen Spielpausen reguliert.
Was hierbei immer gut funktioniert, ist ein Rennspiel, bei dem Karli der "Hase" ist, weil sie natürlich viel schneller und wendiger ist, als Endi.
Dennoch war das Ergebnis sowohl für Endis Frauchen, als auch für mich nicht zufriedenstellend, da die beiden Hunde sehr gerne miteinander interagieren, aber dabei sehr schnell einfach zu doll waren.
Häufig war Endi hierbei in der Vergangenheit schnell gestresst (und gleichzeitig diejenige, die die Gesamtsituation rasant hochschraubte) und wir mussten beide immer pausieren lassen, bevor sie überhaupt loslegen konnten.
Als wir heute spazieren waren, durfte Endi ein paar Suchspiele mit ihrem Ball durchführen. Hierbei konzentriert sie sich wunderbar und arbeitet einfach toll.
Auf einmal hat die freche Karli allerdings den Ball geklaut und was dann folgte war wunderbar: Bevor ich das Madamchen zur Rückgabe ihres Diebesguts auffordern konnte, fingen die beiden Hündinnen ein großartiges Spiel miteinander an.
Hierbei fiel auf, dass Endi durch ihr Spielzeug wesentlich souveräner, klarer und cooler war: Sie hatte einen Anker und war in der Lage, sich viel besser zu sammeln.
Karli hingegen könnte die souveränere Endi viel besser einordnen und fand auch keine Angriffsfläche für ihr oftmals dreistes Verhalten (was ich natürlich unterbinde).
Dadurch konnten sich ein wirklich schönes und entspanntes Spiel zwischen den beiden Mädels entwickeln 💜.
Natürlich ist das KEIN Patentrezept: Für viele Hunde ist das Hinzufügen einer Beute das Ende des schönen Spiels und der Beginn einer ernsthaften Klopperei.
Es ist NICHT sinnvoll, einfach planlos Spielobjekte zwischen zwei Hunde zu werfen.
Gerade wenn man die Hunde nicht gut einschätzen kann, kann es unter Umständen schnell um Leben und Tod zwischen den Hunden gehen, wenn man wichtige Ressourcen unbedarft ins Spiel bringt.
Für die beiden Hündinnen, die wir gut kennen, war es heute allerdings großartig.