06/07/2022
Teil 2
Was ist Überhitzung beim Hund?
Was passiert im Körper und wie erkenne ich Hitzestress? Wann wirds gefährlich?
Hunde haben im Vergleich zum Menschen eine erhöhte Körperkerntemperatur. Die normale Körpertemperatur des Hundes liegt zwischen 37,5 bis 39°C. Ab 39,6°C spricht man von einer erhöhten Körpertemperatur, Überhitzung bzw Fieber. Eiweiße beginnen ab 40°C ihr Aussehen zu verändern, die Faltung verändert sich, sie kleben zusammen, sie verlieren ihre Funktion – der Fachbegriff nennt sich Aggregation bzw Denaturierung. Viele Bestandteile des Körpers bestehen aus Eiweißen, wie zB Muskelzellen, aber auch Enzyme, Hormone oder Transporter, die der Kommunikation zwischen verschiedenen Zellen dienen.
Steigt die Körpertemperatur des Hundes über 41°C wird es schon lebensgefährlich. Dies ist dann als sehr hohes Fieber oder Hitzschlag beim Hund definiert.
Wir sehen hier sehr gut, wie eng der Bereich ist, in dem der Hund seine Temperatur regeln muss: schon 1°C Unterschied in der Körpertemperatur kann den Unterschied machen, wie es dem Hund geht. Es ist schon faszinierend, was der Körper leistet.
Was ist der Unterschied zwischen Fieber und Überhitzung?
Der Körper des Hundes hat viele Rezeptoren, die die Temperatur des Hundes messen. Diese sitzen in der Haut und in den Schleimhäuten. Aber es gibt auch körpereigene Temperaturmessfühler in den Bauchorganen und im Rückenmark. Diese leiten die Informationen an das Temperaturkontrollzentrum im Gehirn weiter. Im Gehirn wird entschieden, ob die Körpertemperatur dem Soll-Wert entspricht. Ist dies nicht der Fall, schickt das Gehirn den Befehl an den Hund, seine Körpertemperatur so zu regeln, dass sie sich dem Sollwert anpasst. Diese geschieht durch bewusstes und unbewusstes Handeln.
Ist dem Hund kalt, beginnen die Muskeln zu zittern und er produziert dadurch Wärme in den Muskeln (unbewusst) und der Hund ändert sein Verhalten und rollt sich zum Beispiel ein, um die Körperwärme zu halten(bewusst). Ist dem Hund warm, hechelt er verstärkt (unbewusst) oder sucht sich eine Abkühlung(bewusst).
Wie die Hitzeabgabe beim Hund funktioniert, habe ich im Teil 1 schon beschrieben, wer nochmal nachlesen möchte, findet hier den Link zum Beitrag:
https://www.facebook.com/129932630987367/posts/1031501137497174/
Fieber ist meist eine Antwort auf Erreger im Körper. Im Regelzentrum des Gehirns wird die Körper-SOLL-temperatur bei Fieber hoch gestellt, damit bestimmte Enzyme und Zellen der Immunabwehr besser arbeiten und Keime, die ebenfalls aus Eiweißbestandteilen bestehen, schwerer überleben können. Um diese Solltemperatur zu erreichen, kommt es zB zu Muskelzittern: wer kennt es nicht, den Schüttelfrost zu Beginn einer Grippe? Bis zu einem gewissen Maß ist Fieber natürlich und erfüllt ein sinnvolles Ziel.
Bei der Überhitzung kommt die Wärme jedoch von Außen, meist wird durch Anstrengung zusätzlich übermäßig viel Wärme in den Muskeln produziert, die der Hund irgendwann nicht mehr ausreichend abgeben kann. Die Körpertemperatur steigt, aber der Hund kann seine Temperatur nicht mehr selbst auf den Sollwert herunterregeln.
Eine Überhitzung ist im Vergleich zum Fieber ein Versagen der Körpereigenen Regulationsmechanismen und kein zentrales Problem im Gehirn.
Was passiert im Körper des Hundes bei einer Körpertemperatur über 40°C?
Jetzt wird es etwas kompliziert. Aber das ist die Grundlage, um zu verstehen, warum hier schon die kritische Phase beginnt.
Alles beginnt mit der Aktivierung von Hitzeschockproteinen. Das ist ein schlauer Mechanismus, der dem Hund für eine kurze Zeit erlaubt, seine Eiweiße vor den zu hohen Temperaturen im Körper zu schützen. Diese Hitzeschockproteine werden unter anderem aktiviert, sobald die Eiweiße beginnen ihre Faltung zu verändern. Hitzeschockproteine sollen die empfindlichen Eiweiße des Körpers vorübergehend vor Stress und Denaturierung schützen und beschleunigen den Abbau von schon zugrunde gegangenen körpereigenen Eiweißen. Diese Abbauprodukte werden dann über die Niere des Hundes ausgeschieden. Fallen diese Abfallprodukte häufiger und in größeren Mengen an, weil der Hund regelmäßig dem Hitzestress ausgesetzt wird, drohen Schäden an der Niere. Dafür muss der Hund noch keine weiteren Symptome einer Überhitzung zeigen, entscheidend ist hier nur die Temperatur und die Reaktion der Eiweiße darauf. Über längere Zeit kann dies in einer chronischen Nierenerkrankung des Hundes enden.
Wird der Punkt überschritten, an dem die Eiweiße durch Hitzeschockproteine geschützt werden, kommt es zum Zusammenkleben der Proteine und daraufhin zur Veränderung im Zellskelett, zellinnere Organellen gelangen nach außen und Kommunikation und Transportmechanismen zwischen den Zellen werden gestört. Es kann keine Energie mehr bereitgestellt werden und die Zelle geht zugrunde. Das ist die große Gefahr bei einem Hitzschlag.
Welche Symptome hat ein überhitzter Hund?
• Sehr hohe Atemfrequenz mit eingedicktem Speichel, oft ist die Zunge bei Stress und Angst nach oben gewölbt und hängt nicht nur locker herunter
• neurologische Symptome, wie Schwäche, Zittern, Ataxie (Unkoordinierte Bewegung) und Krampfen
• das hoch Tragen der Rute
• das Hochnehmen des Kopfes, um den Hals zu strecken und das Atmen zu erleichtern
• Unterzuckerung
• Konzentrationsschwäche
• Angst
• Körpertemperatur über 40°C, ab 41°C besteht Lebensgefahr
• Erbrechen oder Durchfall
• schneller Pulsschlag und Arrhythmien
Wie sind die Symptome zu deuten und wie kommt es dazu?
Zunächst beginnt ein Hund im Hitzestress stark zu hecheln. Will der Hund seine Wärme abgeben, ist die Atemfrequenz des Hundes stark erhöht. Aber der Hund hechelt auch bei Belastung, weshalb es schwierig ist insbesondere als ungeübter Hundesportler die Symptome richtig einzuordnen und zu deuten, wann der Hund noch klarkommt und wann es kritisch wird.
Das erste Merkmale, woran man erkennen kann, dass die Regulationsmechanismen des Hundes an seine Grenzen kommen, ist stark eingedickter Speichel. Diese Hunde schäumen förmlich bei Belastung. Der Speichel ist so zäh, weil die Flüssigkeit durch den Verdunstungseffekt (Teil1) in die Luft übergeht. Aber im Speichel sind auch noch andere Bestandteile, wie Eiweisse enthalten (Verdauungsenzyme) Diese bleiben zurück und werden schaumig und zäh. Dem Hund fällt es durch zähflüssigen Schleim in den Atemwegen auch schwerer, zu atmen. Deshalb haben manche Hunde im Hitzestress auch Stressgesichter: aufgerissene Augen mit Sichtbarwerden der weissen Sklera oder zusammengekniffene Augen, eine nach oben gewölbte Zunge, weit zurückgezogene Lefzen, angelegte Ohren, schmatzen und schlecken.
Eine erste Hilfe bei diesem Symptom kann ein besseres Wassermanagement vor dem Training oder eine kurze Wasserpause als Sofortmaßnahme sein.
Am besten kühlt man den Hund dann mit Wasser an den Beinen und im Gesicht.
Der Hund soll auch nicht sofort stehenbleiben, wenn möglich in leichter Bewegung bleiben.
Im Folgenden möchte ich einen weiteren wesentlichen Unterschied zwischen Fieber und Überhitzung beschreiben.
Im Teil 1 hatte ich schon erwähnt, dass die Haut des Hundes stärker durchblutet wird, um Wärme besser an der Hautoberfläche abgeben zu können. Deshalb nützt es, den Hund an diesen Stellen nass zu machen. Allerdings geht diese Erweiterung der Gefäße und die Verlagerung des Blutstroms in die Gliedmaßen mit einer verringerten Durchströmung im Gebiet der Bauchorgane und des Gehirns einher. Klar: wenn das Blut in den Beinen versackt, steht weniger fürs Gehirn und Darm zur Verfügung. Beim Fieber findet diese Verschiebung des Blutvolumens eher nicht satt, da der Körper ja die Wärme aufrechterhalten will und nicht versucht, diese n der Oberfläche loszuwerden.
Die verringerte Hirndurchblutung ist Ursache für bestimmte Symptome bei Überhitzung wie Schwäche, Ataxie (also unkoordinierte Bewegung der Gliedmaßen), Zittern oder Krampfanfälle und kann im Schlimmsten Fall bei einem Hitzschlag zu einem Hirnödem und bleibenden neurologischen Schäden bis hin zum Tod führen.
Durch die schlechtere Durchblutung der Bauchorgane wird auch der Darm schlechter durchblutet und Darmbakterien und ihre Produkte können leichter die Darmwand durchdringen. Das Immunsystem des Hundes muss also eine zusätzliche Belastung standhalten. Man spricht auch von einem Schockdarm, was Verdauungsprobleme zur Folge haben kann. Es kommt zB zu Erbrechen oder (auch blutigem -durch Versagen der Gerinnung) Durchfall.
Auch die Leber wird als Bauchorgan weniger gut durchblutet. Die Leber ist aber der Hauptlieferant des Hundes für Energie. Energie wird aus Glucose gewonnen, also Zucker. Die Leber kann Glucose aus seinem eigenen Speicher (Glykogen) für etwa 45min selber herstellen oder aus anderen Stoffen, wie Fetten oder Eiweißen neu bilden.
Hunde mit Überhitzungssymptomen sind durch die verringerte Durchblutung der Leber deshalb in der Regel auch unterzuckert und brauchen als Erstehilfemaßnahme schnell verfügbare Glucose. Die Unterzuckerung verstärkt das Risiko für Krampfanfälle noch, genauso wie die Verschiebung im Elektrolythaushalt durch Wasserverlust über die Atmung. Die Elektrolytverschiebung verursacht zudem Veränderungen an der Erregungsfähigkeit der Nervenzellen, wovon vor allem das Herz betroffen ist: es kann zu Unregelmäßigem Herzschlag kommen.
Hitzebedingt nehmen auch die Blutgefäße Schaden, wodurch die Kaskade der Blutgerinnung aktiviert wird. Der Körper verbraucht mehr Gerinnungsbestandteile, es entstehen Gerinnsel und durch den Verbrauch steigt die Blutungsgefahr bei einem Hitzschlag.
Sollten wir unsere Hunde im Sommer im Kühlhaus einsperren und jetzt etwa garnicht mehr bewegen?
Im Gegenteil: Trainierte Hunde passen sich sehr gut an neue Umgebungsbedingungen an. Eine Teilanpassung findet schon nach 20 Tagen, eine komplette Anpassung nach 60 Tagen statt. Trainierte Hunde haben effektivere Regulationsmechanismen und einen effektiveren Stoffwechsel. Schlittenhunde sollten also auch im Sommer fit gehalten werden, nur sollte man sich gut überlegen, welche Möglichkeiten mehr nutzen als schaden. Mein Wunsch ist es, dass jeder, der (Zug-)hundesport bei warmen Außentemperaturen vertritt, sich darüber im Klaren ist, was unmittelbare und Spätfolgen sein können, wenn der Hund doch mal überhitzen sollte. Geht meinetwegen mit dem Hund zum See radeln, lasst ihn über die Wiese toben und gönnt ihnen eine Pause im Schatten, wenn er sie braucht... und verlegt die Aktivitäten auf die kühlen Morgen- oder Abendstunden. Aber überlegt euch genau, ob ein Wettkampf, bei dem es doch sowieso um nix geht, wirklich im Sommer notwendig ist. Vor allem, wenn man bedenkt, dass es sich dabei meist eh um Distanzen unter 5km handelt... die hat man im Herbst innerhalb weniger Wochen schnell wieder trainiert. Menschen und auch Hunde neigen auf Wettkämpfen in Konkurrenz leider oft dazu über ihre Grenzen hinaus zu gehen.
Und motiviert arbeitende Hunde können selbst bei einstelligen Temperaturen schon Überhitzungssymptome zeigen.
Mir ist es wichtig, dass Menschen mit solchen motivierten Hunden wissen, wie bestimmte Dinge zusammenhängen, da leider einige Mythen immer wieder als Gegenargument angeführt werden, wie zB die Unterzuckerung, die als ein Überhitzungssymptom leider oft nicht ernst genommen wird.
Wichtig ist, dass man erkennt und entsprechend verantwortungsvoll handelt.
Achtet auf das Wohl eurer Hunde!
Copyright S.Schiml
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