15/06/2026
🔹Kontrollverlust🔹
Heute geht es um ein spannendes Thema, das uns in der Hundewelt immer wieder begegnet: Kontrolle und Kontrollverlust beziehungsweise die Angst vor dem Kontrollverlust!
🔹Kontrolle gibt Sicherheit
Kontrolle ist ein menschliches Grundbedürfnis. Wir möchten vorhersagen können, was als nächstes passiert. Das gibt uns Sicherheit und das Gefühl, die Situation im Griff zu haben.
Also: soweit, so menschlich.
Wenn wir nun die Kontrolle verlieren oder das Gefühl haben, diese Kontrolle zu verlieren, entsteht oft Unsicherheit, Stress oder auch Angst.
Deshalb versuchen viele Menschen, ihren Hund möglichst genau zu kontrollieren. Um so einfach ein Gefühl von Sicherheit zu bekommen.
(Hinweis am Rande: natürlich ist Kontrolle auch ein hündisches Grundbedürfnis ;) )
🔹Angst vor dem Kontrollverlust
Hinter dem Wunsch, den Hund und dessen Verhalten genauestens zu kontrollieren, steckt häufig Angst.
Angst davor, dass...
- der Hund wegläuft
- der Hund jemanden anspringt
- der Hund einen Fehler macht
- andere Menschen urteilen
- etwas unerwartetes passiert
- ...
Kontrolle wird somit zur Strategie, um diese Ängste zu reduzieren.
🔹Im Alltag
Im Alltag zeigt sich die Angst vor dem Kontrollverlust dann oft so:
- Dem Hund werden ständig Kommandos gegeben
- Der Hund bekommt ständiges "Feedback" für sein gezeigtes Verhalten
- Der Hund hat wenig Freiraum für sich selbst und seine Bedürfnisse
- Alles, was der Hund macht, wird kontrolliert, gecheckt und bewertet
Der Hund muss funktionieren und muss für uns Menschen eine vorhersagbare Reiz-Reaktion-Maschine sein, damit wir weiterhin das Gefühl von Kontrolle haben.
🔹Das große Problem...
Es wird für die Meisten keine große Neuigkeit sein, aber auch Hunde sind Lebewesen mit Bedürfnissen.
Hunde möchten die Umwelt erkunden, schnüffeln, selbstständig Entscheidungen treffen, Informationen sammeln, Erfahrungen machen, Einfluss auf die Umwelt nehmen, ...
Wird nun jeder Schritt vorgegeben, kommentiert oder kontrolliert, bleibt für das alles, was schlicht die Bedürfnisse des Hundes sind, wenig bis kein Raum.
Für den Hund bedeutet ständige Kontrolle also oft
- wenig Selbstwirksamkeit
- wenig Möglichkeit, Erfahrungen und Informationen zu sammeln
- hohe Abhängigkeit vom Menschen
- Frust und Unsicherheit
Ständige Kontrolle durch den Menschen kann auch dazu führen, dass Hunde nicht mehr Situationen alleine entdecken, sondern dass darauf gewartet wird, was der Mensch sagt oder möchte.
🔹Das eigentliche Ziel von Training
Oft wird dann gesagt, dass dieses "soldatenhafte Warten auf Anweisungen" das Ziel eines Trainings sei, aber das ist es in meinen Augen nicht.
Ziel von Training ist meiner Meinung nach nicht "Mein Hund macht niemals etwas ohne meine Erlaubnis", sondern "Mein Hund kann auch dann gute Entscheidungen treffen, wenn ich nicht eingreifen"
Beispiel:
Anstatt dass ich von meinem Hund im 30sek Takt Blickkontakt verlangen und somit sicherzugehen, dass alles passt, kann mein Hund mich in Situationen, wo er das Gefühl hat, Hilfe zu brauchen, von sich aus anschauen.
🔹Aber...
Um weniger Angst vor einem möglichen Kontrollverlust zu haben, braucht es einiges.
1. Es braucht klare Rahmenbedingungen, damit sich alle Beteiligten (in dem Fall Hund und Mensch) sicher und wohl fühlen.
2. Es braucht Vertrauen. Damit ich Kontrolle abgeben kann, muss ich dem Lebewesen, dem ich so Kontrolle gebe, auch vertrauen können. Und das große Problem ist, dass Vertrauen in solchen Situationen oft schon "angeknackst" ist (ich komm später noch etwas genauer dazu).
3. Es braucht sinnvoll aufgebaute Freiheiten.
Kontrolle abgeben heißt nicht, dass mein Hund jetzt um 7:00 ohne Leine, Maulkorb und co aus dem Haus rennen darf und um 21:00 wieder zurückkommen soll.
Im Freilauf kann es zum Beispiel heißen, dass der Freilauf aufgebaut wird, es Signale gibt und diese Signale bei Bedarf zum Einsatz kommen können.
4. Und es braucht natürlich sichere Lernerfahrungen für den Menschen und auch für den Hund. Wenn der Mensch die ganze Zeit lernt, dass der Hund bei jeder "Freiheit" mit unerwartetem Verhalten reagiert, dann fühlt sich das oft nicht gut an. Sammelt man aber als Mensch viele positive Erfahrungen und sieht, dass der Hund trotz seiner "Freiheiten" cool reagiert, dann traut man sich auch öfter, Kontrolle an seinen Hund abzugeben!
Und ganz wichtig: Kontrolle abgeben bzw, weniger Angst vor einem möglichen Kontrollverlust zu haben, passiert nicht über Nacht. Das ist eine Entwicklung und darf Zeit in Anspruch nehmen. Und darf auch mal besser und mal schlechter laufen...
🔹"Trainingsrichtung"
Ich habe bis jetzt bewusst sehr neutral geschrieben, weil die Angst vor dem Kontrollverlust in jeder Trainingsrichtung vorkommt. Beim gewaltfreien, bedürfnisorientierten Training, beim "balanced" Training und beim aversiven Training. Jeweils in unterschiedlichen Ausmaßen oder mit unterschiedlichen Methoden. Aber überall kann es vorkommen, dass einzelne Menschen Angst vor dem Kontrollverlust haben.
Das ist mir extrem wichtig hervorzuheben.
🔹Und kurz zu mir
Ich habe auch hier und da Angst, die Kontrolle zu verlieren - Tada. Wieso? Weil ich ein Mensch bin, diverse Erfahrungen gemacht habe, generell Situationen gerne im Griff habe, ...
ABER meine Angst vor Kontrollverlust darf das Leben meiner beiden Hunde nicht beeinträchtigen!
Und kurz zu einem praktischen Beispiel aus unserem Leben.
Murphy - mein jagdlich motivierter Aussie-Rüde - hat in seinem Leben schon viel Blödsinn gemacht. Früher hatte ich das Ziel, dass er immer und überall ohne Leine laufen kann und perfekt auf den Rückruf reagiert, was nicht geklappt hat. Er ist regelmäßig einfach verschwunden und das hat sich jedes Mal echt scheiße angefühlt.
Und irgendwann habe ich gesagt: gut - dann kommst du nicht mehr von der Leine.
Ich hatte Angst davor, dass er etwas unerwartetes macht und habe deshalb von Haus aus gesagt, dass ich ihm die Möglichkeit zur Selbstständigkeit nicht mehr gebe.
Ich habe auch jedes Mal, wenn er in den Wald hineingeschaut hat, ein Abbruchssignal gegeben, damit er den Blickkontakt unterbricht. Einfach aus Angst.
Ah ja...ich habe mich aufgrund eines Seminars vor einigen Monaten intensiv mit MIR und MEINER Angst vor dem Kontrollverlust beschäftigt.
Murphy hat Schritt für Schritt immer mehr Freiheiten bekommen bzw. ich habe immer mehr Kontrolle abgegeben.
Zuerst dass er mal ins Dickicht darf bzw. nicht immer nur am Weg bleiben muss. Dann dass die Schleppleine mal am Boden mitschleppt. Dann dass er in nur halb eingezäunten Hundezonen frei laufen darf, ...
Und sind wir so weit, dass der Bub in erlauben Gebieten eine gewisse Zeit ohne Leine laufen darf. Und er zeigt VON SICH AUS richtig tolle Verhaltensweisen. Er dreht sich um, er kommt immer wieder zurück, er beobachtet zwar Vögel, aber wendet sich ab, ...
Und ich bin richtig stolz auf ihn, dass er das so super macht und ich bin auch richtig stolz auf mich, dass ich das schaffe.
(Und dass ich nicht alles wegwerfe, wenn er mal aus dem Sichtfeld ist, weil er kurz eine riesige Runde rennt...)
🔹Fazit
Kontrolle und der Wunsch nach Kontrolle ist prinzipiell ein menschliches Bedürfnis.
Wir müssen aber darauf achten, dass unser Wunsch nach Kontrolle und unsere Angst vor einem möglichen Kontrollverlust nicht die Lebensqualität unserer Hunde beeinflusst bzw. beeinträchtigt.
Kontrolle geben können ist aber, je nach den gemachten Erfahrungen und dem Charakter des Menschen, ein Prozess.
Und - ganz wichtig für mich: ein gut trainierter Hund ist kein Hund, der ständig kontrolliert werden muss. Ein gut trainierter Hund ist ein Hund, der selbstständig richtige Entscheidungen treffen kann.
Danke euch fürs Lesen! ❤️
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