12/02/2026
Der Zwergspitz.
Man sieht ihn, man wundert sich – und man kennt ihn erstaunlich schlecht.
Putzig sieht er aus. Und als Nicht-Spitz-Besitzerin fragt man sich ehrlich,
wie HalterInnen mit ihm durchs Leben kommen, ohne dass ihn ständig jemand anfasst.
Denn der Zwergspitz ist objektiv betrachtet eine laufende Oxytocin-Ausschüttung.
Klein. Süß. Flauschig. Da will man direkt hingreifen.
Aber falls die eigene Hand schon zuckt, reicht oft ein Blick des Zwergspitzes:
„Wehe. Ich reg mich auf. Lass es.“
Also anschauen, nicht streicheln. Nicht immer einfach.
Der süße Fratz wird aufgrund seines Äußeren häufig unterschätzt.
Denn der Zwergspitz ist – wie viele kleine Hunderassen – ein massiv unterschätzter Superstar.
Gezüchtet wurde der Spitz für das Melden.
Dieser kleine Mann oder diese kleine Dame sollte Bescheid geben, wenn etwas Ungewöhnliches passiert. Gewitter. Eine Mülltonne, die sich draußen bewegt.
Das Blatt, das vom Baum fällt und theoretisch ein Loch ins Dach reißen könnte.
Alles Gefahren, vor denen insbesondere kleinere Spitzarten gerne warnen.
Darum weiß man immer, wenn ein Spitz in der Nachbarschaft wohnt.
Man weiß es, wenn jemand an der Tür vorbeigeht. Man weiß es, wenn man sich vor dem Haus die Schnürsenkel bindet.
„Ich geh ja schon“, denkt man sich, während der Melder volle Arbeit leistet.
Das eigentliche Leid des Zwergspitzes ist nicht, dass ihn niemand für voll nimmt.
Sondern dass kaum jemand wertschätzt, was für eine anstrengende Aufgabe er da eigentlich erfüllt.
Denn er passt auf. Er hat alles im Blick. Und er weiß, dass irgendwer diese Aufgabe übernehmen muss.
Er stellt sicher, dass Frauchen oder Herrchen nicht unbemerkt entführt werden –
oder zumindest, dass der Entführer ordentlich angekündigt wird.
„Der Entführer kommt!“, brüllt er, wenn der Postbote die Briefe einwirft
und hat so vermutlich schon einigen das Leben im Keller eines Fremden erspart.
Im Zwergspitz steckt viel Energie in einem kleinen Körper. Deshalb ist es besonders wichtig, ruhig und souverän zu reagieren. Schon eine kleine Aufregung multipliziert sich in diesem kleinen Körper – insbesondere dann, wenn er belächelt oder für seine Superkräfte gescholten wird. Die Leine erzeugt bei kleinen Rassen noch mehr Druck als bei Größeren: Es entsteht viel Gegenzug auf einen kleinen Körper. Vorderführung hilft, sowie ein ruhiges Handling gemessen am Körpergewicht des Hundes (langsam & leicht drehen statt feste reißen).
Gezüchtet wurde der Zwergspitz in Mitteleuropa, vor allem in Deutschland.
Er wurde bewusst kleiner gezüchtet, weil Menschen in kleineren Wohnungen lebten.
Eine ganz einfache, praktische Begründung. Dass er so viel mehr auffällt als seine größeren Genossen, hat mit seiner Größe zu tun und seiner entsprechend anderen Wahrnehmung der Umgebung gegenüber. Alles und jede sind nämlich größer als er und häufig wird er übergangen.
Bis heute sind Zwergspitze oft dauerhaft wachsam. Sie liegen gerne am Ende der Couch oder davor – nicht aus Distanz, sondern weil sie den Überblick behalten wollen.
Man weiß ja nie, ob der Entführer von heute Morgen wirklich in die Flucht geschlagen wurde oder nicht doch noch einmal zurückkehrt.
Zwergspitze suchen sich ihre Menschen sehr bewusst aus.
Sie mögen Kontakt – aber nur, wenn sie ihn wollen. „Ich mag dich nicht“, sagt der Zwergspitz eiskalt und dreht sich weg. Grausam für jene, die die Hoffnung nicht aufgaben, dass er noch sagt "Ok, streichel mich".
Fremde, die ihn strahlend anstarren, findet er nämlich eher suspekt.
„Wahrscheinlich ein Entführer“, denkt der Zwergspitz und schaut lieber woanders hin.
Mit anderen Hunden kommen Zwergspitze meist gut zurecht. Im Gegensatz zu vielen Terriern haben sie zwar Selbstbewusstsein, laufen aber nicht zum Schäferhund und erklären ihm, dass er der eigentliche Zwerg sei. Gut sozialisierte Hunde ignorieren ihr Bellen bzw. verstehen, dass es nichts mit ihnen zutun hat.
Der Zwergspitz bellt wenn der Schäferhund zu nahe kommt:
„Verkrümel dich, großer Mann.“ Und der Schäferhund sagt sich "Oh mann ey" und geht weiter.
Eine gute Sozialisation ist daher das A und O für einen Zwergspitz. Erst mit kleineren Hunden, dann mit größeren. Damit der Zwergspitz selbstsicher bleibt
und zum Meldeverhalten nicht auch noch Aggression hinzukommt. Denn dann wird es unangenehm (auch wenn sie anders als Terrier wirklich selten von Hunden als Provokation wahrgenommen werden).
Wer den Zwergspitz versteht, erkennt einen großartigen Charakter. Einen kleinen Hund, der permanent für seine Menschen mitdenkt, mitarbeitet und Verantwortung übernimmt.
Der beste Melder bei Entführungsversuchen und ein echt loyaler Freund:
der Zwergspitz.